Maschinenbau | 01.04.2011 Seismograph der deutschen Industrie

Maschinenbau | 01.04.2011 Seismograph der deutschen Industrie

Der Maschinenbauer Kinkele weiß immer, wo sich etwas auf dem Markt bewegt. Der Auftragsfertiger produziert für 40 Branchen - von kleinen Teilen für Autos bis zu tonnenschweren Vorrichtungen für die Flugzeugindustrie.

In einem schmucklosen Gewerbegebiet am Ortsrand der unterfränkischen Stadt Ochsenfurt hat die Firma Kinkele ihren Sitz. Maschinengeräusche aus mehreren Fabrikhallen zeugen von eifriger Betriebsamkeit. Die Luft riecht nach verbranntem Metall. Der Geschäftsführer, Steffen Schwerd, kurze blonde Haare, Mitte 40, hat einen robusten Händedruck und einen leicht fränkischen Akzent.


Er steht vor einem Lateralfräser, also einer großen Maschine, die 40 Tonnen schwere Stahlteile mit einer Länge von 20 Metern und einer Höhe von vier Metern durchschneiden kann. Schwerd kommt bei diesem Anblick auch sogleich etwas ins Schwärmen: "Mit dieser Maschine haben wir neulich erst Teile für den Boing 787 Dreamliner gefertigt – auch für den Airbus A350 haben wir hier schon Teile hergestellt."

Viele Geheimnisse

Die Maschinen und Teile, die Kinkele fertigt, sind vor allem Prototypen. Zuerst gibt es vom Kunden eine Zeichnung und dann müssen die Ingenieure, Techniker und Mechaniker von Kinkele ran. "Wir können alles bauen, so lange wir vom Kunden eine Zeichnung erhalten", sagt Schwerd selbstbewusst.


Schwerd zeigt auf eine Maschine, an der zwei Techniker gleichzeitig arbeiten und brüllt, um im Lärm nicht unterzugehen: "Hier haben wir eine Presse für die Automobilindustrie. Alle Welt spricht von der Substituierung von Metallen durch CFK-Baugruppen, also kohlenfaserverstärkte Kunststoffe. In dieser Presse bauen wir damit komplette Chassisteile für einen hochklassigen italienischen Sportfahrzeughersteller." Den Namen des Herstellers nennt er nicht. Überhaupt geht es ein bisschen geheimnisvoll zu auf dem Betriebsgelände. Einige der Prototypen in den großen Hallen sind mit Tüchern verhangen.


Komplette Fertigung

Für insgesamt 40 Branchen baut das Unternehmen Einzelanfertigungen. Von der Automobilindustrie bis hin zur computergesteuerten Anlagen für einen Molkereibetrieb. Kinkele ist ein Auftragsfertiger und kein Lohnfertiger. Dieser Unterschied ist Stefan Schwerd wichtig: "Während der Lohnfertiger nur Arbeitsgänge für seine Kundschaft macht, wie zum Beispiel das Schweißen, Zerspanen und vielleicht noch das Lackieren, sind wir in der Lage, komplette Maschinen und Anlagen herzustellen, bis hin zum Probelauf in unsere Halle, aber auch bis zur Montage auf der Baustelle des Kunden."


Lange Geschichte


Als Auftragsfertiger erwirtschaftete Kinkele im letzten Jahr einen Umsatz von 50 Millionen Euro - der vorläufige Höhepunkt einer 125 jährigen Unternehmensgeschichte. Den Grundstein für das Familienunternehmen legte Andreas Kinkele 1885 mit einer Ein-Mann-Schlosserei im Stadtkern von Ochsenfurt. Den entscheidenden Wachstumsschub erhielt das Unternehmen in den achtziger Jahren, als immer mehr deutsche Industriebetriebe anfingen, ihre Spezialteile- und Maschinen außer Haus anfertigen zu lassen.


Das Outsourcing dieser Spezialteile hat sich Kinkele zunutze gemacht. Heute hat das Unternehmen über 350 Kunden mit den unterschiedlichsten Anforderungen. Mit den vielen Branchen, für die Kinkele fertigt, ist das Unternehmen so etwas wie ein Seismograph für die Entwicklung der deutschen Industrielandschaft. "Wir schmunzeln manchmal und sagen, unseren Anfrageneingang könnten die Börsianer gut gebrauchen, um zu sehen, wo sich gerade etwas bewegt und wo nicht", so Schwerd.

Keine Garantie



Die vielen Branchen seien ein Vorteil, da durch die unterschiedlichen Zyklen "immer irgendwo was ginge". Doch in richtig turbulenten Zeiten, wie zuletzt der Wirtschaft- und Finanzkrise, sei auch das keine Lebensversicherung: "Im Oktober 2008 haben wir festgestellt, dass 40 Branchen über Nacht den Schalter auf aus gestellt haben." Trotzdem habe sich Kinkele recht schnell erholen können, da einige Industriezweige wieder früher als andere auf die Beine gekommen seien.


Um für seine Kunden immer auf dem neuesten Stand zu sein, investiert Kinkele zwei bis vier Millionen Euro im Jahr in neue Fertigungstechnik. In guten Jahren fangen circa 70 junge Menschen eine Ausbildung an. Kinkele hat sich so ein gewisses Alleinstellungsmerkmal auf dem deutschen Markt erarbeitet.


Dennoch, im Maschinenbau-Deutschland herrscht harter Wettbewerb: "Wir sind wie ein Zehnkäpfer in der Leichtathletik. Wenn wir zu einer Olympiade fahren machen wir Platz eins bis drei im Zehnkampf", so Schwerd. "Wenn wir aber nur in einer Disziplin antreten, dann gibt es den Spezialisten, der uns dort um ein hundertstel schlagen kann."


Gute Aussichten


Wachstumschancen sieht Schwerd für sein Unternehmen vor allem durch die steigende Nachfrage nach Maschinen aller Art im asiatischen Raum. Zwar beliefert Kinkele mit seinen Maschinebauteilen zu 90 Prozent die deutsche Industrie, allerdings exportiert diese wiederum die Endprodukte dann größtenteils nach Asien.


Europa und die USA spielten eine immer kleinere Rolle. Das nächste Vorzeigeprojekt sei noch geheim. Doch als Geschäftsmann gibt Schwerd schon mal verschmitzt lächelnd einen Vorgeschmack: "Wenn sie im Laufe des Jahres von einem sehr großem Turm mit einem sehr großen Uhrwerk hören - dann wissen sie, wir haben das Uhrwerk gebaut."

Autor: Nicolas Martin
Redaktion: Klaus Ulrich



fuente: http://www.dw-world.de/ 

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